Onlinewahlkampf als Einbahnstraße? WKA im Interview mit Markus Beckedahl

Markus Beckedahl über die Wahlkampfstrategien der Parteien, twitternde Politiker und Langeweile bei Youtube

Markus Beckedahl gehörte schon vor der medienwirksamen Abmahnung durch die Deutsche Bahn zu den prominenten Webakteuren Deutschlands. Seit 2002 bloggt er auf netzpolitik.org über Politik und die digitale Gesellschaft und engagiert sich auch offline auf politischem Terrain wie Telekommunikation, Datenschutz, Urheberrecht oder Freies Wissen. Der Internetexperte betreibt zudem die Berliner Agentur newthinking communications und hat zusammen mit dem Politologen und Journalist Falk Lüke kürzlich die dritte Kurzstudie zu „Politik im Web 2.0 – Zwischen Strategie und Experiment“ herausgegeben. Im Interview mit der Wahlkampfarena geht es um den amerikanischen Einfluss, Status Quo und Potential des deutschen Wahlkampfgeschehens, Markus Beckedahls Wahlkampfthesen und die Qualität der politischen Kommunikation im Netz.


Obamas Erfolg lässt auch die deutschen Parteien verstärkt auf Onlinewahlkampf setzen. Wie groß ist die Kluft zwischen Deutschland und den USA noch?

Die USA sind viel fortgeschrittener im Medienwandel, dies hat zu einer stärkeren Transformation Richtung Online geführt als bisher in Deutschland.

Von welchen Erfolgsfaktoren des amerikanischen Campaignings kann die deutsche Politiklandschaft lernen?

Von einem Erfolgsfaktor können wir lernen: Integrierte Kampagnen, die Offline- und Online-Elemente ziemlich perfekt verbinden. Das hat die Obama-Kampagne gezeigt. Und die Einbindung von Menschen in die Kampagnen. Hier gibt es einen kleinen Unterschied: In den USA müssen sich Kandidaten ihre Unterstützer selbst suchen, in Deutschland blickt man auf eine Parteistruktur. Allerdings behindert die Partei-Struktur teilweise auch die Einbindung neuer Helfer in Kampagnen. Hier müssen Parteien lernen, richtige Angebote zu schaffen und zwischen Funktionären und Einsteigern zu vermitteln, damit letztere motiviert dabeibleiben.

„These #1: Dabei sein ist alles.“ Social Networking per Facebook oder Twitter gehören mittlerweile fast zu den Standardwahlkampfkanälen – aber wie ist es um die Qualität der Inhalte bestellt?

Das ist sehr unterschiedlich. Bei manchen Politikern sieht man Qualität, andere wirken sehr unsicher. Man vergleiche nur mal Live-Auftritte von Oskar Lafontaine mit seinen Versuchen, bei Youtube ins Internet zu sprechen. Überhaupt Youtube: Mir fällt gerade kein bekannter Politiker ein, der oder die auf Youtube brilliert. In der Regel ist alles gähnende Langweile, noch schlimmer als im Fernsehen.

Haben die Politiker die Grundregeln von Kommunikation im Web 2.0, wie Authentizität und Dialog, verstanden oder wird schlicht PR über neue Kanäle serviert?

Hier kann man nicht verallgemeinern. Einige Politiker kommunizieren authentisch und Dialog-orientiert. Andere verstehen Kommunikation immer noch als Einbahnstrasse und die meisten lassen kommunizieren.

Markus Beckedahl

Wahlkampfexperte Markus Beckedahl: „Die Offenheit der Kommunikation stellt die gewohnten Regeln auf den Kopf.“

Wie gehen die Politiker mit dem Kontrollverlust um, der sich durch das Feedback der Wähler eröffnet?

Das ist eine spannende Frage, die sich im Wahlkampf immer wieder stellen wird. Die Offenheit der Kommunikation stellt die gewohnten Regeln auf den Kopf. Einige Erfahrungen in den letzten Monaten zeigen, dass noch nicht alle Politiker damit umgehen können. Bestes Beispiel ist der Abgeordnete der Linken, Lutz Heilmann, der die Wikipedia abschalten ließ.

Welche Parteien werden in diesem Jahr als professionelle Onlinewahlkämpfer bestehen – und welche eher nicht?

Das Rennen werden wohl SPD, FDP und Grünen machen. Wer die intelligenteste Online-Kampagne machen wird, ist derzeit noch nicht abschätzbar. Die Parteien stellen sich gerade erstmal auf.

Welcher Politiker nutzt die Möglichkeiten der Kommunikation im Internet tatsächlich – auch über das Wahlkampfjahr 2009 hinaus?

Das wüsste ich auch gerne. Der Grüne Abgeordnete Volker Beck ist derzeit mit am aktivsten. Hier kann ich mir auch vorstellen, dass er auch nach der Wahl die neuen Kanäle nutzen wird. Währenddessen ist der SPD-Chef von Hessen, Thorsten Schäfer-Gümbel, nach dem verlorenen Wahlkampf online abgetaucht. Sein viel zitierter Twitter-Account wurde jetzt seit einem Monat nicht mehr genutzt.

„These 3: Remix Politics.“ Wo konkret erkennst du in der „Zivilgesellschaft“ Impulse für kreative Politikbeteiligung über das Internet?

Da wären wir wieder beim Kontrollverlust. Früher hatte man nur die Möglichkeit, auf lokaler Ebene Plakate zu verschönern. Diese wurden auch nur lokal begrenzt wahrgenommen. In herkömmlichen Computern steckt mittlerweile ein ganzes Fernsehstudio. Das Remixen von Kampagnen-Inhalten wird dadurch immer einfacher. Und das verteilen erfolgt dabei sehr schnell.

Glaubst du, dass das Internet zum Empowerment des Durchschnittsbürgers führt – oder werden es die sowieso schon Politikinteressierten sein, die ihr Engagement auf das Netz ausweiten?

Man kann davon ausgehen, dass das Internet bei der derzeitigen Politik nicht gerade zu mehr Engagement beim Durchschnittsbürger führen wird. Die USA brauchten einen starken Charismatiker wie Barack Obama, um den Bürgern wieder etwas Glauben an die Demokratie zu schenken. Einen ähnlichen Charismatiker sehe ich in unserer Parteienlandschaft nicht.

Gleichzeitig bietet das Internet aber viele Möglichkeiten für mehr Empowerment. Das wird vor allem auf lokaler Ebene neue Chancen bieten, mit wenigen Mitteln auf Missstände in der Politik und Gesellschaft hinzuweisen, sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen und Druck auf die Politik auszuüben.

Dein vorläufiges Fazit: „Internet wird nicht dominieren.“ Was muss sich bis 2013 ändern, damit das Internet tatsächlich zum Leitmedium des Wahlkampfes werden könnte, wie du prognostizierst?

Das Internet setzt sich immer mehr als Leitmedium durch. Bisher ist es schon das Leitmedium der jungen Generation, aber immer mehr ältere Menschen integrieren es ebenfalls in ihren Alltag. Das wird in den kommenden Jahren noch massiv zunehmen. Gleichzeitig verstehen immer mehr Politiker, dass das Internet nicht mehr weg geht. Und werden es dadurch auch mehr in den politischen Alltag integrieren. Dazu werden in den kommenden Jahren sicherlich einige Politiker endlich in Rente gehen und Jüngere nachziehen lassen.

Sonja

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