„Und jetzt benehmen sie sich alle wie kleine Obamas“: WKA im Interview mit Andrea Nahles

Im Vorfeld der Bundestagswahlen 2009 traf Jan Andrea Nahles zu einem Interview. Bei dem Gespräch mit der stellvertretenden SPD-Parteivorsitzenden, das aufgrund der Länge als dreiteilige Serie veröffentlicht wird, lag der Fokus auf dem Dialog mit den Bürgern, dem Engagement, sich im Internet zu engagieren, Kontrollverlust und knappen Zeitressourcen.

Wie erklären Sie sich den Run auf das Internet im Kontext des Wahljahres 2009?

Einfach durch die User. Als ich im Deutschen Bundestag 1998 mit der Politik begann, habe ich in meinem Wahlkreisbüro E-Mail-Unterricht für ältere Parteimitglieder gemacht und habe händeringend darum gebeten, dass ich mehr E-Mailadressen in meine Verteiler bekomme. Weil das einfach unschlagbar preiswert war. Wenn ich daran denke, dass ich damals noch circa die Hälfte meiner Korrespondenz per Post aufgegeben habe, so ist das auch ein Kostenfaktor. Also haben wir auch die Älteren, die skeptisch gegenüber dem Medium waren, systematisch in Kursen, auch am Wochenende, langsam an das Internet herangeführt.

Mittlerweile ist es gar kein Thema mehr. Es gibt keinen einzigen der hier vor Ort in meiner Partei aktiv ist, der keinen E-Mail-Anschluss hat. Das heißt: In den letzten 10 Jahren hat sich die Möglichkeit Menschen so zu erreichen schlichtweg verdreifacht oder vervierfacht – jedenfalls aus meiner Sicht völlig verändert. Durch diesen Anstieg der Userzahlen – auch bei älteren Menschen – kann ich als Politiker die Bürger besser erreichen. Darauf bin ich angewiesen. Das ist so ganz simpel. Ich will möglichst viele Menschen erreichen.

Andrea Nahles

Werden Sie stärker über E-Mails oder über die Post kontaktiert?

Immer auch noch über den klassischen Postweg. Obwohl ich noch sehr viel Post bekomme, ganz klassisch, ist es aber so dass, wenn man das abzählen würde, die E-Mails sich in einem Verhältnis von 65 zu 35 Prozent zur Briefpost bewegen – also doch deutlich Übergewicht haben.

Haben Sie eine Ahnung wie viele Klicks Sie pro Woche auf Ihrer Website haben?

Ich hatte mal was von 3000 gehört, ich weiß es aber nicht genau. Ich habe mich in den letzten Monaten nicht darum gekümmert. Ist das realistisch? Doch doch, ich denke schon. Ist das denn nun viel oder wenig? Ich weiß es gar nicht genau – offen gesprochen. Es kann sein, dass ich mich nicht genügend dafür interessiere (lacht). Also ich bekomme jedenfalls nicht jeden Tag eine „Wasserstandsmeldung“. Mein Selbstwertgefühl hängt nicht davon ab (lacht wieder), um es mal klar zu sagen.

Wie viel Zeit verbringen Sie täglich im Internet und welche Kommunikationskanäle verwenden Sie dabei?

Ich verbringe pro Tag eigentlich eine Stunde im Internet. Und zwar spät abends. Der Rest ist bei mir anders organisiert. Sie müssen sich vorstellen, ich bin die Person, die an den Fäden eines Terminkalenders hängt und ich bin den ganzen Tag am Laufen, am Arbeiten. Mein Büro sorgt dafür, dass ich weiß, was übers Internet reinkommt. Das wird ausgedruckt und mir oft auch zwischen Tür und Angel mitgegeben.

Jemand wie ich, der eine Spitzenposition inne hat, sitzt nicht statisch irgendwo und arbeitet am Computer, sondern das machen die Leute drumherum. Was dabei wichtig ist, ist die Schnittstelle. Worüber ich mit der Welt verlinkt bin, ist mein Blackberry. Das nutze ich ständig und nahezu ununterbrochen. Es ist praktisch mein Navigationssystem durch den Tag – mit der Chance das Internet zu nutzen oder E-Mailverkehr zu haben. Über dieses kleine Gerät bin ich praktisch den ganzen Tag „On Air“ und zwar mit meinen Büros oder mit meinem eigenen Online-Account.

Abends nutze ich dann das Internet um bei Abgeordnetenwatch reinzuschauen, Fragen zu beantworten oder zu recherchieren und so weiter. Sie sehen, das ist meistens sehr komprimiert – was allerdings nicht heißt, dass ich den Rest des Tages abgekoppelt bin vom Kommunikationssystem.

Das heißt, Sie sind von den Möglichkeiten überzeugt – aber haben Sie eine Ahnung, was ihre Kollegen, vielleicht auch der anderen Parteien, über den Politik 2.0-Boom denken?

Also ich glaube, sie halten es hier in Europa und insbesondere in Deutschland, für leicht überzogen (lacht). Also für so eine Art Hype. Aber es gibt eine Verunsicherung, dass es nicht doch (ironisch) eventuell der Weg ist (lacht).

Im Ernst: das ist durchaus ambivalent. Einerseits machen sich die Leute darüber lustig. Andererseits hat jetzt beispielsweise meine Landespartei in jedem Wahlkreis Kurse angeboten, bei denen man sich über Community-Plattformen, und darüber wie man mit dem restlichen Angebot umgeht, informieren kann. Da machen dann alle Abgeordneten mit. Noch nicht ganz selbstverständlich, aber alle versuchen ihr Bestes (lacht).

Wegen Obama ist das ganze so rübergeschwappt als große Medienstrategie. Und jetzt benehmen sie sich doch alle wie kleine Obamas (lacht).

Haben Sie das Gefühl im Web ihre Politik den Menschen näher bringen zu können?

Ich habe das Gefühl, die Politik jüngeren Menschen näher bringen zu können. Und zwar deswegen, weil sie dieses Medium viel intensiver und fast ohne Konkurrenz durch andere Medien nutzen, für Informationen auch und Meinungsbildung. Ältere Menschen nutzen noch stärker Tageszeitungen und Fernsehen zur Meinungsbildung. Bei den Jungen habe ich manchmal das Gefühl sehr stark auf ihre Meinungsbildung über genau diesen Weg Einfluss nehmen zu können.

Wie stark ich Meinungsbildungsprozesse beeinflussen kann, hängt momentan noch, und das kann sich ja noch ändern, vom Alter der User ab. So ist mein Eindruck. Ich würde also differenzieren, wen ich unmittelbar, wen ich indirekt mit erreiche und wen ich überhaupt nicht erreiche.

So können Sie also auch als junge SPD-Politikerin den Menschen ihre Politik näher bringen?

Ich bekomme jedenfalls Rückmeldung. Und da merke ich, wenn ich zum Beispiel bei einer Anne Will Sendung war, dass sich ganz viele Mittelalte bis ältere Leute melden und reagiere darauf. Wenn ich irgendwas auf meiner Homepage mache oder sonst wo im Netz einen Meinungsbeitrag einbringe, bekomme ich Reaktion auch von Jüngeren. Und das bedeutet für mich einfach, dass ich momentan keine Entweder-Oder-Kommunikation habe, sondern dass ich beides machen muss – Internet und klassische Medien. Ich entscheide mich insofern nicht für ein Medium, sondern habe die verschiedenen Zielgruppen im Auge und betreibe unterschiedlich ausgerichtete Kommunikation.

Hilft Ihnen denn im Umkehrschluss das Internet auch dabei den Menschen tatsächlich näher zu sein; im Sinne von aktiver Rückkopplung?

Es hat mich überrascht – und das hat mich wiederum auch beeinflusst – wie stark die Debatten in Bezug auf datenschutzrechtliche Eingriffe des Staates waren. Also in Bezug auf Onlineüberwachung. Das hat doch in den politischen Medien eine Riesenkampagne gegeben,  die an keiner anderen Stelle so massiv gewesen ist, wie im Internet. Es gibt bestimmte Themen, da bekomme ich ein unmittelbares und klares Bild von dem was passiert. Das kann sich durchaus auch inhaltlich unterscheiden von den Signalen, die ich anderswo bekomme.

Auch die erste Internetpetition, die wir beim Thema Praktikum hatten, war sehr aufschlussreich. Da hatten 200.000 junge Leute bei einer Petition unterzeichnet und auf Ausbeutung bei Praktika hingewiesen, wo im Grunde vorher behauptet wurde, das sei gar kein breites Problem und das seien Einzelfälle. Und als dann der Petitionsausschuss, der die Bürgerbeschwerden bearbeitet, gesagt hat, wir machen jetzt auch Internetpetitionen, hat sich daraus eine politische Schubkraft entwickelt. Das alles ist trotzdem noch sehr jung und vorher mussten solche Petitionen schriftlich und per Post gemacht werden. Aber an diesen beiden Beispielen, also Onlineüberwachung und Generation Praktikum, habe ich gemerkt, dass der Weg auch entscheidend war für die politische Schlagkraft hinter den einzelnen Themen und für die riesige Bedeutung, die sie bekommen haben.

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